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Am Dienstag, 28.04. finden sich ca. 40 Interessierte im Seminargebäude der Goethe-Universität ein, um die Soziologin und Politologin Randi Becker, die auf Einladung der DIG Frankfurt zum Thema „Zwischen Dämonisierung und Dekolonialisierung und der Genealogie von Antisemitismus in postkolonialen Theorien“ referiert, zu hören.

Die Vortragende nimmt die Zuhörerschaft mit auf eine einstündige Reise durch die postkolonialen Theorien von ihren Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart.

Nach Klärung der Begriffe postkoloniale Theorien, Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus mit dem Schwerpunkt auf die modernen Antisemitismus-Narrative zieht Becker einen Bogen von den Vordenkern problematischer Narrative postkolonialer Theorien, wie W.E.B. du Bois, der mit der Formulierung der „Color Line“ die Juden als „weiß“ wahrnimmt; Aimé Césaire, der u.a. die NS-Zeit als Konsequenz des Kolonialismus liest („le choc en retour“) und Frantz Fanon, der Gewalt legitimiert und eine latente Holocaustrelativierung betreibt,  hin zu den Begründern von offensichtlich antisemitischen Narrativen in postkolonialen Theorien:

So benennt Eward Said Israel explizit als Kolonialstaat:  Zionismus sei eine kompromisslose, exkludierende, diskriminierende, kolonialistische Praxis. Achille Mbembe begründet die vermeintliche Überlegenheit der westlichen Kultur in der Gleichsetzung von Kolonialismus, Faschismus und NS. Er relativiert die Shoah und erklärt u.a., dass sie der „Opferfetisch“ der Nachkommen sei, die aus Gründen der Rache selbst zu Tätern würden. Michael Rothberg regt ein Umdenken über den Stellenwert des Holocaust in der Weltgeschichte an und A. Dirk Moses schließlich lehnt eine Verteidigung einer seit mehr als 50 Jahren herrschenden Militärdiktatur (= Israel) durch die deutschen Eliten ab.

Auf der „Documenta Fifteen“ (2022) werden auf einem großen Wandgemälde eindeutig antisemitische Motive verwendet. Das Künstlerkollektiv benennt diese als Bildsprache des postkolonialen Indonesiens. Die Debatte verschärft sich nach den Anschlägen vom 7. Oktober 2023 in Israel. Linke Gruppen sehen die Gräueltaten der Hamas als bewaffneten antikolonialen Widerstand, der Verteidigungskrieg Israels wird als Bombenterror und Genozid bewertet.

Becker betont, dass nicht jede postkoloniale Theorie antisemitisch sei, allerdings funktioniere die sog. Kolonialismus Schablone gegen Israel oftmals sehr gut. Der Antisemitismus habe hier eine „Scharnierfunktion“. Er trete in verschiedenen Formen auf: Antisemitismus werde verharmlost, der sekundäre Antisemitismus betreibe die Relativierung der Shoah, der israelbezogene Antisemitismus bezeichne Israel als Kolonial- oder Apartheidsstaat, im christlichen Antijudaismus werde das Judentum als rückwärtsgewandte Rachereligion bezeichnet, alte antijüdische Narrative überdauerten die Jahrhunderte.

An den Vortrag schließt sich eine lebhafte Fragen- und Diskussionsrunde an. Stimmen aus dem Publikum heben hervor, dass dort, wo früher gesellschaftlich-universell diskutiert wurde, aktuell nur noch politisch agitiert werde. Auch sei an vielen Universitäten keine gute akademische Tätigkeit mehr möglich. Politisch einseitiger Aktivismus stehe im Vordergrund.