
Léon Poliakov: Von Moskau nach Beirut. Essay über die Desinformation.
Mai 27 @ 19:00 - 21:00
Lesung und Analyse vor dem Hintergrund des 7. Oktobers 2023
mit den Herausgebern Alex Carstiuc und Miriam Mettler
Im Sommer 2022 jährte sich der Libanonkrieg zum 40. Mal: 1982 rief Israels Libanon-Offensive heftige Reaktionen in der westlichen Öffentlichkeit hervor, die damals noch nicht zum Standardrepertoire der Berichterstattung gehörten. In den Massenmedien wurde der jüdische Staat – von Léon Poliakov in dieser Schrift als ›Jude unter den Staaten‹ bezeichnet – des Völkermords an der palästinensischen Bevölkerung bezichtigt und die Israel angekreideten Verbrechen mit denen der Nazis gleichgesetzt. Während in der arabischen Welt und den meisten sozialistischen Staaten diese Gleichsetzung bereits seit Israels Staatsgründung im Jahr 1948 an der Tagesordnung war, bedurfte es in der westlichen Welt, wie Léon Poliakov anhand eindrücklicher Beispiele und Quellen nachweist, einer längeren Entwicklung, um diese Form antisemitischer Desinformation für sich zu entdecken und zu popularisieren.
Bei der Erstveröffentlichung der Übersetzung 2022 ahnten die Herausgeber noch nicht, wie aggressiv und ungehemmt die Geschichte sich nur wenige Monate später zuspitzen und der globale Antisemitismus eine neue Eskalationsstufe erreichen sollte. Der Angriff von Hamas und Islamischem Djihad auf die israelische Bevölkerung am 7. Oktober 2023, dem sich in einer dritten Welle auch palästinensische Zivilisten anschlossen, war sowohl quantitativ durch die hohe Opferzahl als auch qualitativ durch die immense Brutalität und Wahllosigkeit seit der Shoah beispiellos. Die historische Amnesie ist total, wenn die Welt verdrängt, wer und was den Krieg in Gaza ausgelöst hat. Die Geiseln waren außerhalb Israels bereits nach wenigen Monaten keinerlei Schlagzeile mehr wert, geschweige denn eine UN-Resolution. Das Antlitz der Opfer, in Israel allgegenwärtig, wurde, wenn es hierzulande im öffentlichen Raum überhaupt auftauchte, binnen Stunden abgerissen und damit virtuell erneut ausgelöscht. Die Gegenwart mutet wie ein aggressiver Wiedergänger jener Verkehrung geschichtlicher Tatsachen an, die Léon Poliakov nachzeichnet.
So ist Von Moskau nach Beirut heute noch aktueller als 2022. Die Übersetzer wollen daher diese Schrift vorstellen und sie im Kontext des 7. Oktobers einordnen.
Zur Teilnahme ist eine namentliche Anmeldung an erforderlich. Der Veranstaltungsort wird einen Tag im Voraus bekannt gegeben.